Frei, Wahr, Treu - Was bedeutet unser Wahlspruch für uns? 15. Oktober 2000
Ende
des Wintersemesters 1999/2000 fand unser Workshop
zum Thema "Frei, Wahr, Treu - Was bedeutet
unser Wahlspruch für uns?" statt. Der
besondere Fokus lag dabei auf der Frage, ob die
Werte "Frei" und "Treu" sich
widersprechen oder einander ergänzen.
An dieser Stelle
möchte ich zunächst den Teilnehmern für die
rege Diskussion danken, die viele interessante
Ergebnisse vorgebracht hat.
Um die
persönliche Position der einzelnen
Workshop-Teilnehmer festzustellen, war zu Beginn
jeder aufgefordert, in einer Matrix
"Freiheit/Treue" seinen eigenen
Schwerpunkt einzutragen. Diese Positionierung
sollte gegebenenfalls später bestätigt oder
revidiert werden:

Einer der
Teilnehmer merkte dabei an, daß man nicht
Freiheit und Treue zugleich in voller Höhe
fordern könne, da mit der Bindung durch Treue
auch die Freiheit eingeschränkt werden würde.
Die Punkte müßten also auf einer Linie von
links oben nach rechts unten angesiedelt sein.
Dieser Gedanke wurde in der später angesetzten
Diskussion noch weiter ausgearbeitet.
Zuvor erarbeiteten
wir mit Hilfe der Metaplan-Technik, was für uns
"Frei" bzw. "Treu" bedeutet.
Dabei schrieb jeder auf einen Zettel eine
Assoziation zum Thema "Freiheit" und
einen zum Thema "Treue". Diese Gedanken
wurden anschließend geordnet:
Ergebnisse
"Frei" unsortiert:
- Religionsfreiheit
- Liberalität
- Voraussetzung:
Wahrheit gegenüber sich selbst; Analyse:
von wem / wodurch wird Freiheit eingeengt
(Selbstbestimmung)?
- unabhängig
von Politik, Religion; offene
Meinungsäußerung
- persönliche
Freiheit: "sagen, denken, handeln
können nach eigenen Vorgaben; sich
selber weiterzuentwickeln in früher (der
Vergangenheit) nicht angedachte
Richtungen, seine Meinungen ändern zu
können, sich in einer vorgegebenen Welt
frei positionieren"
- zu
entscheiden, ob ich zu einer
Veranstaltung komme oder nicht
- Unabhängigkeit
- Freiheit für
eigene Entscheidungen
Ergebnisse
"Treu" unsortiert:
- Voraussetzung:
Freie Entscheidung (s. Frei); Analyse:
lebenslang; Teilbereich; sich selbst
gegenüber
- Treue zu den
eigenen Entscheidungen
- Geschlossenheit
(Meinung, Denken)
- zu einem
gegenen Wort stehen; sich gelegentlich in
Furtwangen bei Veranstaltungen sehen
lassen
- zuverlässig;
verantwortungsbewußt
- Treu zur
Verbindung
- Ehre
- sich selber
treu sein und bleiben; Einhaltung von
Versprechungen
Bei der Sortierung
der Gedanken konnte wir eine weitere Einteilung
beim Thema "Treue" feststellen, die
sich schließlich auch in der
"Freiheit" zeigte: Treue zu sich selbst
und Treue in Bezug auf andere - Freiheit, die man
bekommt und Freiheit, die man anderen zugesteht.
Ebenso stellten wir die Gefahren fest, wenn die
beiden Werte zu extrem gelebt werden.
Bei genauerer
Betrachtung stellte sich folgendes Schema heraus:
| Frei/Treu |
Freiheit
Extrem: fehlende Sicherheit |
Treue
Extrem: blinde Gefolgschaft |
| innere |
Freiheit,
eigene Gedanken zu entwickeln, diese zu
leben |
Treue zu
den eigenen Gedanken und Vorstellungen |
| gebende
nach außen |
Freiheit,
die man anderen gewährt |
Freundschaft,
Sicherheit, die man anderen gewährt,
Einhalten von Versprechenn |
| nehmende
von außen |
Freiheit,
die einem gewährt wird |
Sicherheit,
die man bekommt, Verläßlichkeit |
In der
anschließenden Diskussion versuchten wir anhand
dieses Schemas, die Werte weiter zu untersuchen:
- Wodurch
werden unsere Freiheiten eingeschränkt?
- Gesellschaftliche
Aspekte
- Erziehung
- wirtschaftliche
Einschränkungen
- Bewußtsein,
ob man selbst
eingeschränkt ist!
(dabei die Frage:
"Woran erkennt man,
wenn man frei
entscheidet (gegenüber
Pseudo-Freiheit) ?"
- Bei
Delegation gibt man Freiheit ab - dies
fordert in der Folge Treue.
- Freiheit
wechselt also in Treue.
- Zuviel
Freiheit bedeutet Unsicherheit.
- Einschränkung
von Freiheit kann Sicherheit bedeuten.
- Freiheit ist
vorab bei der Entscheidung gegeben, wem
man treu ist und von wem man Treue
annimmt
- die innere
Freiheit ist selbst zu bestimmen.
- jeder hat
sein eigenes Bedürfnis nach Freiheit
- es gibt
sowohl positive als auch negative Treue
(Treue als Loyalität und Treue als
blinde Gefolgschaft)
- ob Treue
positiv oder negativ ist, hängt davon
ab, wieviel Freiheit dabei bleibt
- es gibt auch
sowohl positive als auch negative
Freiheit (Freiheit als Selbstbestimmung
und Freiheit als Unsicherheit)
- ob Freiheit
positiv oder negativ ist, hängt davon
ab, wievel Treue/Sicherheit einem
gewährt wird
- Treue und
Freiheit müssen sich ergänzen!
- Freiheit
und Treue können also als gleicher Wert
in unterschiedlichem Aggregatszustand
gesehen werden; es gibt eine
Wechselbeziehung zwischen Frei und Treu!
- Dabei können
Freiheit und Treue bei richtiger Mischung
einen Synergieeffekt hervorrufen: nimmt
man Treue auf und gibt dadurch Freiheit
ab, dann kann man dadurch neue Freiheit
erhalten (sich selbst zu bestimmen mit
Rückhalt)
Können wir diese Gedanken auf unsere Verbindung zurückführen?
Zur Beantwortung dieser Frage wendeten wir die
Treue/Freiheit-Grafik aus dem Beginn des
Workshops an:

Freiheit und Treue
können nach unserem Ergebnis stets nur in
Kombination innerhalb des straffierten Bereichs
erreicht werden. Die Punkte A und B sind dabei
die Extreme (A = maximale Freiheit, minimale
Treue => Unsicherheit; B= minimale Freiheit,
maximale Treue => blinde Gefolgschaft); als
Verbindung haben wir in einem gewissen Rahmen die
gleichen Vorstellungen dieser Kombination von
Freiheit und Treue (C). Wir möchten uns Treue
geben als Unterstützung und Sicherheit, dies
aber stets unter Wahrung der persönlichen
Freiheit und vor allem auch, um mit Hilfe dieser
Unterstützung weitere Freiheit zu erhalten. Dies
bezieht die Freiheit ein, sich selbst gegenüber
treu zu bleiben (was zugleich Wahrheit bedeutet,
dem dritten Aspekt unseres Wahlspruchs).
Gedanken in
Verbindung zur "Wahrheit":
- Man kann nur
"Frei" und "Treu"
sein, wenn man in Bezug auf sein
Innerstes "Wahr" ist
- Wahrheit ist
der Mörtel!
- Wahrheit
gegenüber sich selbst bedeutet, sich
selbst (seine Eigenschaften) zu erkennen,
ebenso seine Umgebung. Nach dieser
Wahrheit zu leben, erfordert Freiheit,
nur dadurch aber kann Treue erlangt
werden.
Marcus Förster
v/o Tacheles
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